1945-1989

Als der Weihnachtsmann ein Schmuggler wurde

Am Heiligabend war es nun soweit. Ich hatte gut spioniert und die Gewissheit, dass mein kleiner Bruder das Fahrrad bekam…

"Ich bin jetzt schon sechs Jahre alt und habe immer noch kein eigenes Fahrrad,“ meinte mein kleiner Bruder. Ich bin schon zehn Jahre, und das klapprige Ding, mit dem ich das Radfahren erlernt habe, kann man auch vergessen. Aber wir werden wohl noch eine Weile warten müssen, bis wir ein neues Fahrrad bekommen. So gingen wir weiterhin zu Fuß zur Schule, zur Kirche und nachmittags auch zu unseren Freunden, um mit ihnen zu spielen.

Spannung

"Gibt es eigentlich einen Weihnachtsmann?“, fragte mich eines Tags mein kleiner Bruder. Meine spontane Antwort war: "Sicher gibt es einen Weihnachtsmann!“ Sollte ich ihm etwa jede Illusion nehmen und ihm klarmachen, dass wir alle ihn bisher fürchterlich belogen haben? Außerdem fand ich es sehr schön und es hatte so etwas Feierliches, wenn zu Heiligabend meinem Bruder die volle Erwartung und Spannung anzumerken war. Dann knisterten nicht nur die Kerzen am Weihnachtsbaum; dann knisterte auch die Spannung. Also entschloss ich mich, ihm seinen Glauben zu erhalten.

Dabei dachte ich: "Im großen Ganzen geht es uns ja nicht sehr schlecht, aber unser Herrgott hätte uns durchaus etwas mehr geben dürfen.“ Ich meinte, es wäre doch wohl schön, wenn mein Bruder und ich ein neues Fahrrad bekämen. Unsere Mutter hatte zwar auch nur ein altes Fahrrad, dass wohl noch aus der Zeit vor dem Krieg übrig geblieben war. Aber daran dachten wir nicht.

Was haben unsere Eltern wohl immer zu besprechen? Immer stecken sie die Köpfe zusammen, bevor Papa am Freitagabend wieder nach Holland fährt? In den Jahren nach der Währungsreform und auch noch um 1960 war alles, was man für das tägliche Leben gebrauchte, in Holland doch etwas billiger als bei uns. Jeden Freitagabend fuhr mein Vater deshalb zunächst die zehn Kilometer mit dem Fahrrad und später dann mit seiner Zündapp über die Grenze. Das Moped hatte er sich verdient, indem er alljährlich neben seiner üblichen Arbeitszeit noch Torf gegraben und an Bauern verkauft oder gegen Ferkel, Kartoffeln und so weiter eingetauscht hat.

Kurz hinter der Rheder Grenze gab es ein kleines Geschäft, dass es auch heute noch mit einer Tankstelle gibt. Weil mein Vater jeden Groschen dreimal umdrehte, bevor er ihn ausgab, holte er also regelmäßig jeden Freitag eine Kiste voller Lebensmittel aus diesem Geschäft. Dort kannten ihn schon alle. Von Allen wurde er nur "De Mann mit de Kist“ genannt. Die Holzkiste hatte er sich eigens für seine Einkaufstouren und richtig passend für sein Moped gezimmert.

Praktische Anglerstiefel

In die Kiste packte er die Waren, die jeder Zöllner sehen durfte. Die Extraportionen an Kaffee, Tee und Tabak, die in Holland besonders billig waren, steckte er in seine langen Stiefel. Bei seinen Einkaufstouren trug mein Vater immer lange -heute würde man sagen-  Anglerstiefel unter seiner Hose. Er trug diese Stiefel früher beim Reinigen von Gräben oder beim torfgraben. Praktisch waren diese Stiefel aber auch bei den Fahrten über die alte Rheder Straße durch die Rheder Wiesen. Nicht selten war diese Straße nämlich überschwemmt, weil die Ems über die Ufer getreten war.

Bei diesen "Hollandtouren“ sparte unser Vater viele Groschen und D-Mark, die er dann für besondere Anschaffungen ausgeben konnte. Meistens gab es dann auch mal was Besonderes für meine vier Brüder und mich. Neben meinem sechsjährigen Bruder hatte ich nämlich noch zwei ältere und einen ganz kleinen von zwei Jahren. Und dann wohnte da auch noch unsere Oma. Die kannte ich nur mit schwarzen Kleidern und Schürze. Eine Oma eben, wie damals alle Omas und auch ganz alt. Wir waren so eine richtige "Großfamilie“, was aber sehr schön war. Immer war jemand da.

Nun kam aber bald Weihnachten und ich hatte mitbekommen, was der Weihnachtsmann in diesem Jahr meinem Bruder bringen sollte. Auf seinen Einkaufsfahrten nach Holland wollte unser Vater für ihn ein richtiges kleines Hollandrad mitbringen. Das natürlich, ohne dass die Zöllner etwas davon mitbekamen. Den Zoll wollte er sparen.

Ein richtig kleines Damenrad

So fuhr mein Vater einige Zeit vor Weihnachten wieder mit seiner Zündapp nach Holland und kaufte ganz normal ein. Natürlich auch Kaffee, Tee und Tabak, was er wieder in seine Stiefel steckte und damit billig und unverzollt über die Grenze brachte. Er kaufte aber auch ein kleines Hollandrad. Ein richtig kleines Damenrad. Schließlich musste mein Bruder das Radfahren noch lernen.

Nützlich war bei dieser Sondertour, dass jeden Freitagabend ein Bus von Holland nach Papenburg und wieder zurück fuhr. "G.A.D.O.“ stand an dem gelben Bus. Was das zu bedeuten hatte, wussten wir nicht. Es interessierte uns aber auch nicht sonderlich. Das Gute an dem Bus war ein Gepäckträger am Heck für Fahrräder.

Mein Vater beschmierte das Fahrrad mit Dreck, damit es aussah, als gehöre das Fahrrad jemandem, der im Bus saß. Am Aschendorferweg holte meine Mutter das Fahrrad von der Bushaltestelle ab, und so hatte mein Vater den Zöllnern wieder ein "kleines Schnippchen geschlagen“ und den Zoll gespart.

Weihnachtsmann

Am Heiligabend war es nun soweit. Ich hatte gut spioniert und die Gewissheit, dass mein kleiner Bruder das Fahrrad bekam. Natürlich mussten wir warten, bis der Weihnachtsmann bei uns gewesen war. Unser Vater ging in die gute Stube und sprach sehr lange mit dem Weihnachtsmann. Erst als der Weihnachtsmann wieder weg war und unser Vater uns rief, durften auch wir in die Stube.

Hell strahlten die Kerzen am Weihnachtsbaum mit den Augen meiner kleineren Brüder um die Wette und gaben ein warmes Weihnachtslicht von sich. Die Krippe mit dem Jesuskind war unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut und vom Plattenspieler erklang es "Stille Nacht“. Auf dem Tisch lagen ein paar eingepackte Geschenke. Meistens waren es Socken, Handschuhe oder ein Schal. Eben Dinge die wir Kinder in jedem Jahr ohnehin neu gebrauchten. Und dann waren da noch einige Kleinigkeiten, an denen jeder sofort erkennen konnte, welcher bunte Teller mit Nüssen, Keksen und Schokoladenweihnachtsmännern wem gehörte. Ein Rad für meinen kleinen Bruder war aber nicht zu sehen.

Wir packten alle unsere Geschenke aus. Ganz toll war es in diesem Jahr für meinen kleinen Bruder und mich nicht ausgefallen. Die Eltern bekamen sowieso nie viel vom Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann war trotz unseres chronischen Geldmangels aber schon großzügiger gewesen. Ich war besonders traurig, dass mein Bruder nun plötzlich doch kein Fahrrad bekommen hat. "Hatte ich da irgend etwas falsch verstanden?“ Er sollte das Fahrrad doch haben. Und er hatte es sich doch so sehr gewünscht!

Im vollen Glanz

Als wir unsere Geschenke alle ausgepackt hatten, meinte mein Vater, mein kleiner Bruder solle doch mal nachsehen, ob die Fenster im Schlafzimmer unserer Oma zugemacht wurden. Er ging in Omas Schlafgemach und bekam große staunende Augen. Dort stand im vollen Glanz sein schönes Hollandrad. Er tanzte voller Freude. Jetzt war auch die Welt für mich wieder in Ordnung. Aber, um ehrlich zu sein, ich hätte auch gern ein neues Rad gehabt.

Als mein Bruder wieder aus dem größten Freudentaumel erwachte und er sich die Freudentränen wegwischte, rief er meine Mutter und mich noch ins Schlafzimmer. Was sollten wir da? Konnte er das Fahrrad etwa nicht allein aus dem Zimmer holen?

Die Sprache verschlagen

Als ich in das Schlafzimmer kam, traute ich meinen Augen nicht. Dort stand doch tatsächlich noch ein ganz neues Rad "Marke Recordia“. An der Größe des Fahrrades konnte ich sofort sehen: „Dieses Rad ist für mich!“ Ich konnte nicht mehr herausbringen, als nur: „Danke Papa“. Die Freude hatte mir die Sprache verschlagen und ich hatte auch total vergessen, dass doch der Weihnachtmann das Fahrrad gebracht hat.

Und dann war da noch etwas. Hinter meinem Fahrrad stand noch ein schönes, großes neues Damenrad. Dieses Rad war für meine Mutter. Ihr erging es wie mir. Mama bekam keinen Ton heraus und der Mund blieb ihr offen stehen. Man sah deutlich: Auch Mama hat nichts von einem neuen Rad gewusst. Die Freude trieb auch ihr die Tränen in die Augen und sie ging zuerst einmal auf unseren Vater zu nahm ihn ganz lieb in den Arm und drückte ihn sehr lange. Ich glaube, man konnte ihm ansehen, dass er sich noch mehr gefreut hat, als wir alle. An schönere Weihnachten kann ich mich nicht erinnern.

Nun wussten wir, warum unser Vater in letzter Zeit noch sparsamer geworden war. Wir wussten aber auch, warum er so lange allein in der guten Stube war und warum er so lange mit dem Weihnachtsmann sprechen musste.